Busch im Clinton Valley, Milford Track New Zealand

„The finest walk in the world“ – Milford Track

Milford Track,   Neuseeland

Bereits im Juni hatten wir unsere Huts auf dem Milford Track gebucht und entsprechend lange haben wir uns auf diesen Trip gefreut. So früh zu buchen ist auf diesem Track absolut notwendig – die nächsten freien Plätze hätte es wohl erst am 8. Dezember diesen Jahres gegeben. Wem übrigens der Rucksack zu schwer ist, kann auch an einem geführten Walk auf dem Milford Track teilnehmen – vier Tage für satte 1800 NZ$/person (6x so viel wie Independant Walkers, wie z.B. wir bezahlen)!

Tag 1:

Die schlechten Wettervorhersagen für unsere Zeit auf dem Milford Track schienen sich zunächst zu bestätigen: Über Milford hingen tiefe Wolken und es regnete dort in Strömen. Trotzdem sind wir mit dem Nachmittagsboot von Te Anau Downs in Richtung Glade Wharf am Nordende des Lake Te Anau aufgebrochen – von hier startet der Track.

Die Überfahrt auf dem zweitgrößten Süßwassersee von Neuseeland war ziemlich rau und schaukelig. Der Wind sorgte für ziemlich hohe Wellen und der schnelle Katamaran tat sein Übriges dazu. Mit uns 40 independent (unabhängigen) Walkern starteten 51 geführte Wanderer. Schon auf dem Boot schien eine „Zweiklassengesellschaft“ zu herrschen – die Rücksäcke der zahlungskräftigeren Gäste standen schön geschützt unter dem Bootsdach, während unsere Rucksäcke am Heck immer wieder eine gute Brise Wasser abbekamen.

Nach einer Stunde Fahrt und wie erwartet einsetzenden Regen starteten wir am Glade Wharf zu unserem ersten Etappenziel: die nur fünf Kilometer entfernte Clinton Hut. Der Weg dorthin führte uns an dem Hüttenkomplex (mir (Seb) fällt kein anderes Wort ein) namens Glade House vorbei, wo auf die Teilnehmer der geführten Tour eine heiße Dusche sowie Champagner wartete – echt unglaublich!

Auf dem Weg zur Clinton Hut durch das gleichnamige Tal zog das gute Wetter herein. Um uns herum konnten wir die ersten steilen Berge mit den vielen Wasserfällen, die sich wie Tränen von den hohen Felsen hinabstürzten, bestaunen. Je mehr es hier regnet, desto spektakulärer sehen diese Wasserfälle aus. Der einmalige Wald (ihr werdet es an unseren vielen Waldbildern sehen…) begeisterte uns einfach nur. Kurz vor unsere Hütte gab es einen kleinen Abstecher zu einem der seltenen NZ- Wetlands (Sumpfgebiete, von denen nur noch 2% übrig geblieben sind), die sich in einem Seitenarm des Clinton Valleys erstreckten. Man stelle sich folgenden Anblick vor: Der komplette Waldboden ist vermoost und es ragen vermooste Bäume daraus hervor. Ein tiefes Tal mit schneebedeckten Berggipfeln und Nebel bildet die Kulisse für diese Postkartenansicht… Wahnsinn!
Unsere Hütte war am Rande dieses Sumpfgebietes gebaut. Wie unser Hütten – Ranger meinte, sei dies eher ungünstig. Irgendwann würde der Komplex wohl ganz im Sumpf versinken… so in etwa hundert Jahren.

Die Clinton Hut unterschied sich wieder vollständig von allen Backcountry- Hütten, die wir bisher in NZ kennen gelernt haben. Die Hütte bestand aus vier Gebäuden, die durch überdachte  Wege miteinander verbunden waren. Alles war viel großzügiger angelegt, als wir es gedacht hätten.
Überraschung: Wir trafen hier unser älteres schottisches Pärchen wieder, welches wir schon in der der Mackay Hut auf dem Heaphy Track gut eineinhalb Wochen getroffen hatten. Diesmal begleiteten sie uns die nächsten drei Tage auf dem Milford Track.

Tag 2:

Nach einer unruhigen Nacht (bedingt durch Schnarcher und Aufregung) ging es nach einem guten Trockenfrühstück (wie immer bestehend aus Müsli und allerhand Instantgetränken) starteten wir zu unserem Walk immer tiefer in das Clinton Valley hinein. Überraschenderweise blieb es trocken und die Sonne brach sogar heraus. Der gut ausgebaute Weg wurde etwas rauer und führte entlang des Clinton Rivers. Wir kamen aus dem Staunen einfach nicht mehr raus: Überall um uns herum steile hohe, teils noch schneebedeckte Berge, von den sich Wasserfälle in das Tal hinab stürzten. Ein Tal voller Tränen, so ist es wohl am ehesten zu beschreiben. Und dann immer wieder Abschnitte von einem fantastischen Regenwald: Die Bäume meterhoch von Moosen bedeckt und vor Nässe einfach nur triefend. Fast aller zwei Meter hätte man halten können und Postkartenmotive mit der Kamera aufnehmen können. Von dem vielen nach oben gucken hätten wir uns beinahe Genickstarre geholt…
Unseren Weg kreuzte immer wieder ein Lawinengebiet, also Stellen, an denen Schnee oder Steine von den Bergen herunterfallen konnten. Hier durfte man nicht stoppen, sondern wurde bestimmt durch entsprechende Schilder darauf hingewiesen, dass man solche Stellen zügig und ohne anzuhalten passieren sollte. Irgendwann auf diesem Track haben wir aufgehört diese Stellen zu zählen – es sollen wohl insgesamt 56 Routen sein! Unten im Tal schmolzen zudem noch einige der im Winter heruntergekommenen Lawinen weg – schmutzige Schneefelder mit Schneehöhlen drin.
Ab und zu markierten gut ein Meter hohe Wegmarker Stellen, die wohl des öfteren nach starken Regen geflutet sind und dann durch hüfttiefes Wasser zu passieren sind…Schon im Vorfeld des Tracks haben wir diesbezüglich ein paar abenteuerliche Stories gehört. Aber das sei hier eben normal…

Nach gut fünf Stunden erreichten wir unser Etappenziel für diesen Tag: Die Mintaro Hut am Ende des Clinton Valley und am Fuße des Mackinnen Pass. Nach dem wir uns ein wenig erholt hatten und auch unsere Kamera sich entschloss weiter zu funktionieren (sie hatte wohl den feuchten Ausflug zum Fox und den gestrigen Tag nicht ganz so gut überstanden) sind wir noch auf den Mackinnen Pass geklettert. Da der Wetterbericht für den nächsten Tag alles andere als Gut war, wollten wir das berühmte Alpenpanorama noch bei gutem Wetter und bei Sonnenschein genießen. Glück gehabt, denn wären wir nur eine halbe Stunde später aufgebrochen, hätte uns auf dem Pass eine Regenfront eingehüllt und die Sicht versperrt.

Nach gut einer guten Stunde und 500 Höhenmetern standen wir auf dem „Gipfel“ des Milford Tracks. Vor uns erstreckte sich das Fjordland und das Arthur Valley, hinter uns das Clinton Valley und um uns herum noch viel höhere steile Berge. Dazu noch blauer Himmel…Die ganz Mutigen unserer Gruppe stellten sich (wie auch Anne) auf einem kleinen Vorsprung für das Starfoto. Unter dem Vorsprung ging es gut 600 Meter steil nach unten…

Gerade als wir unsere Hütte wieder erreichten, setzte regen ein, der in der folgenden Nacht noch heftiger wurde.

Tag 3:

Recht früh und in absoluter Regenmontur sind wir zum Mackinnen Sattel aufgebrochen. Die gesamte Nacht hatte es durchgeregnet und im Tal hingen tiefe Wolken. Und das Wetter schien sich noch weiter zu verschlechtern.

Nach gut eineinhalb Stunden Kraxelei erreichten wir die Hütte auf dem Mackinnen-Sattel. Wir waren völlig durchnässt – unsere Hightech-Regenjacken waren im Regen durchlässig geworden. Aber wie uns ging es den anderen Wanderern auch. Alle waren froh auf der Hütte anzukommen und sich eine Tasse heißen Tee zu kochen. Wirklich jeder, der hinein kam, war durchnässt – keine der Hightech-Jacken hatte dem Regen standhalten können. Das Bild in der Hütte war ziemlich skuriel: Jeder zog sich die nassen Klamotten in der eiskalten Hütte vom Leib. Und jeder transpirierte heißen Dampf aus seiner Kleidung -man kam sich vor wie in einer zu kalt gewordenen Dampfsauna!

Auch wir pellten uns in unsere erst kürzlich erstandenen Frisennerze und brachen auf, um auf der anderen Seite des Passes gut 1000 Meter tief zu klettern. Und das auch noch auf einer Notroute, den ein großer Teil des normalen Tracks war wegen Lawienengefahr gesperrt.

Erst im Regenwald wurde es ein wenig erträglicher – zumindest aber windgeschützter. Aber auf der anderen Seite, quasi im Fjordland (wo es bis zu 10 Meter und mehr Regen pro Jahr gibt), bot der Regenwald und die vielen steilen Wasserfälle ein spektakuläres Bild. Nach gut vier Stunden erreichten wir die Quintin Hut. Leider nicht unser Nachtquartier, dafür Ausgangspunkt für einen Seitentrip zu den höchsten Wasserfällen Neuseelands, den Sutherland Falls. Im strömenden und stärker werdenden Regen liefen wir bis zum Fuß des Wasserfalles – und wurden dort noch einmal richtig durchgeweicht: Der Wasserfall prallte mit voller Wucht auf eine Steinplattform und zerstäubte sich dort in waagerechten Regen – atemberaubend diese Gewalt!!

Unser Rückweg zur Quintin Hut wurde immer nasser und wilder: Kleine Bäche ergossen sich immer mehr auf den Pfad und verwandelten den Weg selbst so langsam in einen Bach. Unsere Schuhe hielten dem auch nicht mehr stand und weichten durch.
Von der Quintin Hut mussten wir noch mehr als eine Stunde lang zu unserem Nachtquartier, der Dumpling Hut laufen. Der Weg weichte immer mehr auf und verwandelte sich systematisch in einen Bach. Teilweise überfluteten die Wasserfälle den Weg, so dass wir auch davon noch nass wurden.

Geschafft und k.o. Erreichten wir unsere Hütte und hingen uns dort zum Trocknen auf. Zwei Stunden  später war der Arthur River über die Ufer getreten und der Track war gut einen halben Meter tief geflutet… Und es schien kein Ende in Sicht. Unser Ranger hingegen war voller Optimismus und meinte, dass der Track am nächsten wieder in Ordnung sei…

Abends machten wir noch eine einschlägige Erfahrung mit einem Kea, dem bekannten Bergpapagei Neuseelands. Trotz aller Warnungen hatten einige Wanderer vergessen ihre Ausrüstung mit in die Schlafräume zu nehmen. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erschien ein Kea und begann in Windeseile und ohne jeglichen Respekt vor den Menschen diverse Ausrüstungsgegenstände auseinander zunehmen… Auf der Mintaro Hut eine Nacht zuvor hatten folgende Schilder vor den Keas gewarnt: „Attention! Keas operating here!“

Tag 4:

Tatsächlich hatte sich der Regen gegen Mitternacht gelegt und am Morgen nach ein paar Schauern ganz aufgehört! Wir brachen also gut gelaunt auf und genossen den Weg durch das Arthur Valley, an dessen Ende uns ein Boot abholen sollte. Nach einer Weile Walk durch den teilweise dunklen Wald wurden wir allerdings ziemlich fußlahm und der Weg begann sich einfach nur noch zu ziehen… Pausen waren fast unmöglich, denn unseren Pausen-Müslieriegel wollten sich bei diesem guten Wetter auch hunderte von Sandflies mit uns teilen! Aber irgendwie haben wir es doch zum Ende des Weges geschafft: Nach insgesamt 33 Meilen Walk waren wir im Milford Sound angelangt!

Bei herrlichstem Bilderbuchwetter genossen wir die kurze Bootsfahrt vom Sandflypoint nach Milford Sound Village – Selbst der weltbekannte Mitre Peak zeigte sich ohne Wolken!
In Milford Sound (das Dorf ist eigentlich mehr ein modernes Terminal für Busse und Boote mit einer kleinen Landebahn) erwischten wir auch recht schnell einen Bus zurück nach Te Anau. Am Rande sei bemerkt, dass der arme Busfahrer Gerüche von gut 40 Wanderern, die gerade von irgendwelchen Tracks heruntergekommen waren, ertragen musste… Die Fahrt über die Milford Road durch den Homer Tunnel erwies sich noch einmal als sehr aufregend: Die Straße schlängelte sich langsam hoch zum Homer Pass und gab den Blick auf die riesigen, schneebedeckten Gipfel des Fjordlandes frei –  wenn das mal nicht eine der spektakulärsten Straße auf diesen Planeten ist! Der Homer Tunnel selbst ist eine Einbahnstraße, die eher wie ein Stollen aussieht –  1 Kilometer tief mit viel Pioniergeist durch den Felsen getrieben (bis 1954 mussten die Milford Track – Wanderer den Weg zweimal laufen um zurück zu kommen). Am oberen Ende war ein Vorsprung aus Stahlbeton errichtet worden, der verhindern sollte, dass Lawinen den Tunnel zuschütten. Als wir diesen Punkt passierten, konnten wir durch ein im Durchmesser gut drei Meter breites Loch auf den blauen Himmel schauen…

Die letzten Tage haben wir uns in Manapouri erholt und dort im Freestone Backpackers in einer kleinen Hütte mit einer One million dollar view auf den Lake Manapouri genächtigt.